Mobbing – ein Beispiel

Der folgende imaginäre Fall schildert plastisch, wie Mobbing einen Menschen systematisch zerstören kann. Ähnlichkeiten mit realen Personen sind zufällig.

Frau Franzen ist 30 Jahre alt und arbeitet in der Grafikabteilung der „Schneider & John Ltd.“. Sie ist eine der besten. Hauptsächlich betreut sie Kunden aus der Kosmetik-Branche. Allerdings wird sie von ihren Kollegen gern zu Rate gezogen, wenn ein anderer Kunde eher schwierig ist. Auch bei ihren Vorgesetzten gilt Saskia als hervorragende Angestellte.

Die Schneider & John Ltd.

Die Herren Sebastian Schneider und Steffen John betreiben seit nunmehr zehn Jahren eine Werbeagentur und sind sehr erfolgreich. Sie beschäftigen Werbegrafiker, zwei kaufmännische Angestellte, zwei Buchhalter. Die Geschäfte laufen so gut, dass eine weitere Grafikerstelle besetzt werden soll.

Die neue Kollegin

Christiane Bauer ist die Glückliche, die die freie Stelle bei „Schneider & John“ bekommen hat. Sie ist wie Saskia 30 Jahre alt und hat ausgezeichnete Referenzen. Saskia freut sich über die neue Kollegin, weil sie bislang in der Grafikabteilung allein unter Männern war. Und so nimmt sie sich der Neuen an und will ihr helfen, sich in der Firma neu einzufinden.

Konkurrenz belebt das Geschäft

Christiane bekommt am Anfang trotz ihrer guten Referenzen zunächst mal kleinere Aufträge, während Saskia wieder einmal eine größere Kampagne bearbeiten darf. Als sich nach acht Wochen nach Christianes Meinung an ihrer Situation noch immer nichts geändert hat, beschließt Christiane, Saskia den Rang abzulaufen. Da sie aber befürchtete, auf legalem Wege keine Chance zu haben, griff sie zu anderen Mitteln. Zunächst einmal flirtete sie mit sämtlichen männlichen Kollegen und versuchte so, Saskia ein bisschen zu isolieren. Da das nicht den gewünschten Effekt erzielte, begann sie, den anderen zu erzählen, was Saskia angeblich über diese gesagt hatte.

Der Domino-Effekt setzt ein

Saskia wird von einem Kollegen darauf angesprochen, warum sie ihn plötzlich schlecht mache. Sie bestreitet das und ist zutiefst erschüttert, wie Klaus, mit dem sie immer gut zusammenarbeiten konnte, auf so etwas kommt. Nachdem Christiane aber weiter Gift streut und in die Wunden der Kollegen schlägt, beginnen diese, sich von Saskia abzuwenden. Plötzlich will keiner mehr ihre Hilfe, niemand fragt sie mehr um Rat. Sie sitzt zu Hause und macht sich Gedanken, was da los sein könnte. Erklären kann Saskia es sich nicht und so tut sie es als eigenen Stress ab, dass sie alles überbewertet.

Aber nach weiteren vier Wochen verschärft sich die Situation. Saskia wird zu ihren Chefs zitiert, die sie zur Rede stellen wollen. Aber auch dort verteidigt sie sich vehement gegen diese Vorwürfe und appelliert an die beiden, dass sie sie doch kennen müssten.

Saskia geht mit Kopfschmerzen nach Hause und grübelt den ganzen Abend und der Schlaf bleibt aus. Folglich ist sie am nächsten Tag nicht fit und ihr unterläuft ein herber Fehler. Es gelingt ihr gerade noch, alles wieder gerade zu biegen, aber der Schaden ist angerichtet. Sie bekommt den Auftrag entzogen und wird für zwei Wochen in den Urlaub geschickt. Saskia nimmt dankbar an, denkt sie doch, dass sie überarbeitet sei.

Schleichendes Gift

Nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub erschrickt sie, weil sie eine Abmahnung auf ihrem Platz findet. Sie hätte durch Unachtsamkeit zwei Kampagnen beinahe verdorben, die nun andere bearbeiten mussten. So könne es nicht weitergehen und sie solle gewarnt sein. Saskia widerspricht der Abmahnung zwar, aber es ändert nichts.

Christiane hat inzwischen ganze Arbeit geleistet und Saskia wird von allen Kollegen geschnitten. Diese zieht sich in sich zurück und spricht allenfalls noch mit ihrer besten Freundin. Aus Angst, ihre Arbeit nicht mehr richtig zu machen, spart sie sich auf Arbeit die Pausen um alles zweimal zu kontrollieren. Aber der Stress, die fehlenden Pausen machen alles nur noch schlimmer. Saskia nimmt immer mehr ab. Obwohl sie müde ist, schläft sie nachts kaum noch, weil sie ihren vorangegangenen Arbeitstag analysiert und den folgenden schon überdenkt.

Dennoch: Die Fehler werden gravierender. Eine zweite Abmahnung ist die Folge. Saskias Welt bricht zusammen und ihre Freundin ist ratlos und schickt sie zum Arzt. Vielleicht sie sich ja irgendeinen schlimmen Virus eingefangen. Pfeiffersches Drüsenfieber, zum Beispiel, das hat schon so manchen Fussballprofi lahmgelegt. Saskia geht von Arzt zu Arzt und niemand findet etwas.

Bin ich verrückt?

Allmählich glaubt Saskia, dass sie sich das alles nur einbildet: die Krankheiten, die fiesen Kollegen, den Stress. Sie denkt, ein entspannendes Hobby wäre vielleicht etwas als Ausgleich. Aber an ihrer Situation ändert sich nichts. Sie hat Angst, verrückt zu werden. Hört sie vielleicht unbewusst die biologische Uhr ticken? Braucht sie dringend einen Freund? Was ist nur los mit ihr? Ihre Freundin rät ihr, zum Psychologen zu gehen. Man müsste ja mit niemandem darüber reden.

Saskia geht hin und wird erst mal wegen Stress krankgeschrieben. Leider tratscht die Lohnbuchhalterin im Büro herum und erzählt allen, dass Saskia zum Psychiater geht. Da sieht Christiane ihre Chance gekommen ...

Kathrin Stoltze, Kathrin Stoltze

Kathrin Stoltze - seit 2010 freier Autor bei "Suite 101" Hauptkategorien: Bildung & Karriere, Politik & Gesellschaft, Partnerschaft und Familie; seit ...

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